Tag 23: Der Fluch der Mumie

Amira zuckte ruckartig zusammen, als über ihr das Licht erlosch. Von einer Sekunde auf die andere war es stockfinster. Amira verharrte in ihrer geduckten Haltung und ihre Augen suchten panisch die Dunkelheit ab. Probehalber schloss sie die Augen und öffnete sie wieder. Kurioserweise war es dunkler, wenn sie die Augen geöffnet hatte.
Da ihr Handyakku vor einer halben Stunde des Geist aufgegeben hatte, konnte sie auch nicht die Taschenlampenfunktion ihres Handys benutzen. Toll, dachte Amira. Da wäre diese blöde Funktion endlich mal von Nutzen gewesen und jetzt das.

Es war seltsam. Irgendwie verspürte sie nicht die geringste Angst. Es war, als wäre sie von einem schweren schwarzen Mantel umschlossen, der sie schützte. Die Dunkelheit war ihr schon als Kind nie bedrohlich erschienen.
Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und tastete sich vorsichtig an der Wand entlang. Nach ein paar Minuten leuchtete ihr aus der Ferne ein grünes Notausgangsschild entgegen. Amira beschleunigte ihren Schritt und eilte auf das grellgrüne Licht zu. Als sie direkt unter dem flackerndem Schild stand, holte Amira den Flyer hervor, den sie an der Kasse erhalten hatte. Auf der Rückseite war der Umriss des Museums und die verschiedenen Stockwerke verzeichnet. Sie befand sich im ersten Untergeschoss. Vermutlich hielt es die Museumsverwaltung für eine großartige Idee, die Ausstellung der Ausgrabungsstätte in den Keller zu verfrachten. Da passte wenigstens die Atmosphäre. Amira versuchte ihren Standpunkt auszumachen. Es gab drei Notausgänge. Einer bei dem Pharaonengrab, einer neben der Treppe und einer neben dem Personalraum. Da Amira weder an der Treppe noch am Grab des Pharaos war, konnte sie nur neben dem Personalraum sein. Wenn sie zur Treppe wollte, musste sie den Gang weitergehen, nach links abbiegen und die Halle durchqueren. War doch ganz leicht. Amira lief los und wünschte sich insgeheim, sie könnte das Notausgangsschild mitnehmen. Dann hätte sie wenigstens etwas Licht. Aber es ging nunmal nicht anders.
Während sie sich durch die Dunkelheit tastete, schwirrten ihr die seltsamsten Gedanken durch den Kopf. Gab es hier eine Alarmanlage? Wenn nicht, dann musste es hier doch einen Nachtwächter geben, oder? Amira dachte an den Film „Nachts im Museum“. Da erwachten alle Ausstellungsstücke zum Leben. Amira blieb unvermittelt stehen und horchte in die Dunkelheit. Da! Da war doch ein Poltern gewesen, oder? Amira spitze die Ohren. Nein, Fehlalarm. Außer dem Blut, was durch ihren Kopf rauschte, konnte sie absolut nichts hören. Ein wenig enttäuscht lief sie weiter. Da war sie nun einmal nachts in einem Museum eingeschlossen und es passierte absolut nichts Spannendes. Es war fast langweiliger als tagsüber. Apropos eingeschlossen… Amira hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wie sie hier wieder rauskommen sollte. Der Haupteingang war zu, ebenso die Notausgänge. Das wusste Amira aus einem Buch. Es sei denn, es waren moderne Notausgänge, die nur von innen aufgingen. In diesem Fall wäre es einfach nach draußen zu gelangen. Amira blieb erneut stehen. Jetzt hatte sie die Wahl. Sie konnte einfach gehen, sie konnte sich ein wenig umschauen, was sich bei dieser Beleuchtung aber nicht besonders lohnte, oder sie konnte sich hinter den Tresen am Eingang setzten und im Museum übernachten. Die Reaktion desjenigen, der sie am nächsten Morgen finden würde, wäre sicherlich unbezahlbar. Vielleicht konnte sie das Museum auch verklagen, wegen den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Wenn sie den Hauptenergieschalter finden würde, könnte sie sich Licht machen und das Museum in vollen Zügen genießen, ohne die Anwesenheit von anderen Menschen. Wann hatte man schonmal die Gelegenheit dazu? Mann, es gab so viele Möglichkeiten und jede war vielversprechend. Vielleicht erwachte ja doch noch ein Ausstellungsstück zum Leben. Amira tippte auf den Pharao. Auch, wenn sie Mumien eigentlich nicht ausstehen konnte.
Ja, all diese Möglichkeiten standen ihr offen. Sie entschied sich letzendlich für die Einfachtse. Sie verließ das Museum durch den nächsten Notausgang, stieg in den letzten Bus und fuhr nach Hause. Was für eine spannende Nacht im Museum.

Tag 23: Der Fluch der Mumie

Ehrfürchtig trat ich in die kühle Eingangshalle und ließ die Stille auf mich wirken. Die Wände waren mit Hieroglyphen und Säulen verziert, zwischen welchen in Schaukästen verschiedenste, zum Großteil vergoldete, Ausstellungsstücke thronten. Es war nur schwach beleuchtet, was die geheimnisvolle, geradezu mystische Atmosphäre nur verstärkte, und auf Grund der Tageszeit war nicht allzu viel los.
Ich ging langsam durch die Halle, sah mir alles genau an und las die dazu gehörigen Informationsschilder. Wenn ich schon Ärger bekommen würde, weil ich es gewagt hatte, nach der Schule nicht zum Ballett, sondern in die ägyptische Ausstellung ging, dann sollte es sich zumindest lohnen.
Neben der Tür, die zu dem Raum mit dem Sarkophag fühlte, hing ein Hinweisschild, auf dem darum gebeten wurde, nicht zu versuchen hinter die Absperrung zu kommen und sich dem Sarg zu nähern, da sich immer noch Spuren von alten Viren oder Pilzen daran befinden könnten. Schulterzuckend ging ich weiter und fragte mich, warum es überhaupt Leute gab, die den Sinn von Absperrungen nicht verstanden.
Auch hier wollte ich mir alles genau ansehen, als plötzlich das Hauptlicht ausging. Verwirrt sah ich mich um, aber es war niemand anderes zu sehen. Ob das Museum schon zu hatte? Ich wollte auf meinem Handy nach der Uhrzeit sehen, aber anscheinend hatte der Akku den Schultag nicht überstanden und es war aus, weshalb ich ein wenig hilflos und verloren inmitten alter Artefakte, in einer nur notdürftig beleuchteten Halle, nur eine Mumie als Gesellschaft, stand.
Da hörte ich in der Ferne das Klirren von Schlüsseln und Schritte, die sich näherten. Zuerst war ich erleichtert, anscheinend gab es Wachpersonal, das aufpasste, dass niemand eingeschlossen wurde, aber dann ergriffen mich Zweifel. Was war, wenn die Person mir nicht glaubte, dass ich aus Versehen eingeschlossen wurde, weil ich mein Zeitgefühl vollkommen verloren hatte? Was war, wenn man mir vorwerfen würde, mich absichtlich hier her geschlichen und versteckt zu haben, um die Nacht hier zu verbringen oder gar was zu stehlen? Und wenn dann die Polizei gerufen würde? Meine Eltern würden mich umbringen, und spätestens morgen wüsste es die ganze Stadt.
Die Schritte kamen immer näher, und ich sah mich hektisch nach einem Versteck um, doch die einzige Möglichkeit, die sich mir bot, war der Sarg. Ich lugte um die Ecke und sah, wie der Wachmann gerade in einem anderen Raum verschwand, bevor ich schnell über die Absperrung kletterte und vorsichtig in den Sarkophag schaute. Jetzt verstand ich auch, warum die Menschen nicht zu nah heran kommen sollten. Der Flyer erzählte lügen, hier war gar keine Mumie; der Sarg war leer.
Obwohl es verständlich und nachvollziehbar war, wäre ich zu jedem anderen Zeitpunkt wahrscheinlich verärgert gewesen, doch in diesem Moment hatte ich keine Zeit dafür. Ich hörte bereits, wie der Wachmann sich wieder auf diesen Raum zu bewegte, weshalb ich, ohne noch weiter darüber nachzudenken, in den Sarg kletterte ich mich dann an die Wand presste. Während der ganzen Zeit, in der der Wachmann durch den Raum lief, hielt ich die Luft an und bewegte mich keinen Millimeter, bis er endlich wieder raus ging.
Ich wartete noch einen Moment, bevor ich wieder aus dem Sarg kletterte und so leise und unauffällig wie möglich zum Eingang schlich. Allerdings hatte ich dabei nicht beachtet, dass das Museum geschlossen hatte, weshalb auch die Eingangstür zu war. Da hörte ich das mir schon bekannte Klirren der Schlüssel wieder, und eine männliche Stimme die fragte, ob da jemand wäre.
Wieder sah ich mich nach einem Versteck um, ich würde deutlich lieber in der Nähe des Eingangs bleiben, aber es war so karg dekoriert, dass meine einzige Möglichkeit auch weiterhin der Sarkophag war. Also schlich ich wieder zurück und legte mich in die kalte, unbequeme Steinbox.
Nach einiger Zeit – ich vermutete, dass mindestens zwei Stunden vergangen sein mussten, da der Wachmann zwei weitere Male die Räume gecheckt hatte – begannen meine Augen und auch meine nackten Arme unglaublich zu jucken und zu brennen. Zuerst tat ich es als Einbildung ab, dann versuchte ich es auf den Staub zu schieben, aber als meine Augen schließlich richtig zu Tränen anfingen und auch mein Hals total gereizt war, so dass ich durchgehend das Bedürfnis hatte, zu husten, fing ich an, mir Sorgen zu machen.
Was war, wenn ich wirklich mit irgendwelchen Viren oder Pilzen in Berührung gekommen war und jetzt krank wurde? Aber andererseits konnte ich jetzt noch weniger weg, als zuvor. Jetzt würde mir niemand mehr meine Geschichte glauben, also hatte ich keine Wahl, als es einfach auszuhalten und zu hoffen, dass ich nicht sterben würde.

Tag 23: Der Fluch der Mumie

Raven hatte Angst. Früher hatte ihm Dunkelheit nie etwas ausgemacht, und auch sonst war er nie sonderlich ängstlich gewesen, doch nach dem Brand machte er sich ständig Sorgen und befürchtete, dass ihm jemand Böses wollte. Unsicher tastete er sich an den Wänden entlang. Auf einmal stieß er gegen etwas Kaltes. Der Sarkophag! Vor Schreck stolperte Raven nach hinten und fiel über einen kleinen Gegenstand, der auf dem Boden lag. „Verdammt!“ Er versuchte aufzustehen, doch bei jeder Bewegung brannte ein höllischer Schmerz in seinem Bein. Er stöhnte. Das konnte doch nicht wahr sein. Wer auch immer für sein Schicksal verantwortlich war, schien ihn leidenschaftlich zu hassen. Plötzlich ging das Licht wieder an und eine Mitarbeiterin des Museums stand ihm gegenüber. „Ist alles in Ordung mit Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?“ „Soll das ein Witz sein?“, murmelte Raven und lehnte sich erschöpft zurück.

Tag 23: Der Fluch der Mumie

Noah sah sich verwirrt um. Was zur Hölle war denn jetzt los? Er war zwar kein Weichei das sich gleich vor Schreck nass machte, aber wenn er eines hasste, dann war es Dunkelheit. Sein Puls begann zu rasen. Er konnte zwar noch einiges sehen, aber die Schatten ringsherum machtem ihm Angst. Achluophobie, nannte sich diese Angst vor Dunkelheit die er seit seiner Kindheit mit sich herumschleppte.
Langsam trat er näher an den Sarkophag heran. Das wenige Licht dort beruhigte ihn ein wenig.
Neugierig lies er seine Hand den Sarkophag entlang gleiten. An den Seiten befand sich eine kleine Einkerbung. Es fühlte sich wie eine Art Schalter an. Ohne nachzudenken drückte er darauf und zuckte leicht zusammen, als ein lautes „klick“ ertönte. Noah hielt den Atem an und trat einen kleinen Schritt zurück. Hatte sich der Deckel etwa bewegt? Er kniff die Augen zusammen und starrte genauer hin. Tatsächlich, der Deckel war etwas zur Seite gerückt.
Na toll nun spielen mir meine Gedanken auch noch übel mit. Das kann doch gar nicht sein, wer wollte das Teil da weggerückt haben? Noah starrte auf den Sarkophag dessen Deckel sich langsam anzuheben begann. Wie angewurzelt blieb er an Ort und Stelle stehen, unfähig sich zu bewegen. Wie gebannt starrte er auf die gruselige Szene die sich ihm bot. Sein Herz raste und doch konnte er den Blick nicht abwenden, geschweige fortzulaufen. Die Gänge lagen alle im Dunkeln. er konnte dort unmöglich hin.
Das laute Scharren des schweren Steinquaders über Stein fuhr ihn durch Mark und Bein. Noah fühlte wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete. Er musste hier weg und das schnell, aber konnte sich nicht bewegen. Wie paralysiert starrte er auf den nun offenen Sakophag. Sein Atem ging nun stoßweise, er hyperventilierte fast. Trotzdem konnte er sich einfach nicht dazu aufraffen in einen der Gänge zu flüchten. Die Dunkelheit, die Schatten. Noah keuchte als sich ein Schatten aus dem Sakophag erhob und schrie. Sein Schrei hallte laut von den Wänden wieder. Dann, als er schon dachte das sein Herz gleich stehen bleiben würde, ging das Licht an und amüsiertes Gelächter ertönte. „Hey Noah, soviel dazu das ich dich nicht zum Schreiben bringen kann“ lachte Adrian und trat aus einem der Gänge.
Noah sah ihn verständnislos an. Er hatte noch immer weiche Knie und konnte sein Zittern kaum verbergen. „Ich habe extra für diese kleine Showeinlage bezahlt. Der Sakophag, die Museumsleitung, deine Karte. Alles geplant. Na nun schau mich doch nicht so wütend an“ lachte Adrian. „Du Arsch!“ keuchte Noah und holte tief Luft.

Tag 23: Der Fluch der Mumie

Tag 23 – Storytelling Adventure Month

Jetzt war auch das letzte Licht erloschen. Nur die Beleuchtung für die Notausgänge legte noch einen zarten grünen Schimmer über die Bereiche der vier Türen, die aus diesem Raum wieder hinausführten. War sie eingeschlafen? Verena setzte sich aufrecht auf die Bank, die direkt vor dem Sarkophag des Pharaos stand. Da knackte es auf einmal hinter ihr. Verenas Herz schlug schneller. Schweiß trat ihr aus den Poren auf der Stirn, unter der Nase und an den Innenflächen der Hände.
„Ist da jemand?“, fragte sie leise.
Keine Antwort.
‚Da ist niemand’, dachte sie.
‚Da kann niemand sein’, ergänzte sie, um sich etwas Mut zuzusprechen.
Ihr Handy blieb schwarz, auch als sie versuchte, den letzten Rest des Akkus zu aktivieren, indem sie es abschaltete und nach gezählten dreißig Sekunden wieder einschaltete.
„Ich brauche einen Plan“, sagte sie laut.
Beim Aufstehen von der Sitzbank spürte sie jeden Knochen. Sie musste wirklich geschlafen haben. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war die japanische Reisegruppe, die etwa eine halbe Stunde vor dem Sarkophag verharrt hatte. Von ihr war nichts mehr zu sehen. Warum hatte niemand sie bemerkt? Hielt man sie mit Absicht hier fest? Und wenn ja; wer und warum?
Verena tastete mit der Hand nach dem Sarkophag, spürte das Glas, unter dem dieser mit dem Pharao erneut begraben war. Das Glas war kalt und feucht.
Verena kreischte laut auf.
Da gingen die Lichter an. Sie hörte Schritte herbei eilen. Verena überlegte kurz und versteckte sich dann unter der Sitzbank.
„Hallo“ hörte sie eine Stimme, jung und männlich.
Verena hielt den Atem an.
‚Freund oder Feind oder Pharao?’, ging ihr durch den Kopf.
Gummistiefel tauchten vor ihren Augen auf.
„Wen haben wir denn da?“ Ein bebrilltes Gesicht mit vielen Pickeln sah ihr entgegen.
„Wollten Sie die Nacht mit dem alten Ägypter verbringen? Glauben Sie mir, der würde unter ihren Händen zerfallen.“
Der Mann streckte ihr einen Arm entgegen.
„Das stell ich mir sehr ungemütlich vor, da unter der Bank“, sagte er und zeigte beim Lachen einen Mund ohne Zähne.
Verena rannte es eiskalt über den Rücken, als eine Finger nach ihr griffen.

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