Tag 28: Der Zwilling

Tag 28 – Storytelling Adventure Month

Dialog mit der Zwillingsschwester (Anna)

„Kann ich dir etwas helfen?“ fragt Anna, die ihrer Schwester beim geschäftigen Treiben in der Küche zusieht, obwohl sich der kleine runde Tisch längst unter der Last der Obstschale und der Müsliboxen biegt.
„Nein, danke.“
„Dann setz dich doch her zu mir.“
Verena blickt über ihre Schulter nach hinten und sagt: „Der Kaffee fehlt noch.“
„Seit wann trinkst du denn Kaffee?“
„Seit einem Jahr.“
„Aber das solltest du doch gar nicht.“
Verena beißt sich auf die Lippe. Natürlich sollte sie nicht. Aber man sollte viel nicht. Und er hilft nun mal sehr verlässlich, den Appetit zu zügeln.
„Ich nehme einen Orangensaft“, sagt Anna: „Falls du so etwas in deinem Kühlschrank findest.“
„Klar. Eva und Sabine haben sicher nichts dagegen.“
Verena stellt ein Tetrapak auf den Tisch.
„Da ist Zucker drin. Das ist ganz schlecht“, sagt Anna.
Verena zuckt die Schultern und stellt den Orangensaft zurück in den Kühlschrank.
„Was führt dich zu mir?“
„Nicht was, wer: Du.“
„Das glaubst du ja selbst nicht. Lässt vier Jahre nichts von dir hören und kreuzt dann mitten in der Nacht bei mir auf. – Woher hast du überhaupt meine Adresse?“
„Von Mama.“
Verena hebt die Augenbrauen fast unmerklich und schenkt sich eine große Tasse Kaffee randvoll ein.“
„Wo warst du all die Jahre?“
„Als ob dich das interessieren würde.“
„Würde ich sonst fragen?“
„In Thailand.“
„Und bist dort am Strand gelegen.“
„Nein. Ich habe gearbeitet.“
Verena rührt in der Tasse, obwohl sie kein Körnchen Zucker hineingegeben hat.
Anna greift zu einer Banane, schält sie und legt die Schale auf das leuchtend weiße Tischtuch.
Verena zuckt kurz zusammen.
„Ist was?“ fragt Anna.
„Nein.“
„Hast du ein Nervenleiden?“
„Wir waren eigentlich bei einem anderen Thema. Was hast du wirklich in Thailand gemacht?“
„In einem Hotel auf Kho Samui gearbeitet.“
„Und warum bist du nicht dort geblieben?“
Annas Hände beginnen zu zittern, als sie sagt: „Ich fliege nächste Woche wieder zurück.“
„Na dann.“
Anna kaut an ihrer Banane. Verena beißt in einen Apfel und spült das zu Mus zerkaute Stück mit einem Schluck Kaffee hinunter.
„Ach, was soll’s. Gib mir auch einen Kaffee“, sagt Anna.
Verena schenkt ihr eine halbe Tasse voll ein. Anna gibt zwei Löffel Zucker in die Tasse.
„Hast du auch Milch?“
„Ich nicht, aber Sabine oder Eva.“
Verena stellt ein Kännchen mit Milch auf den Tisch. Und Anna rührt nun den Milchkaffee behutsam, damit nichts auf das Tischtuch schwappt.
„Ich wollte dich noch einmal sehen. Wer weiß, ob ich noch einmal die Chance dazu habe.“
„Wovon redest du?“, fragt Verena.
„Schau dich an. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Und dann trinkst du auch noch Kaffee. Du legst es wohl drauf an, vorzeitig zu gehen.“

Tag 28: Der Zwilling

Ich saß auf der Couch und sah fern, als es plötzlich geklingelt hatte. Vollkommen verwirrt war ich zur Tür gegangen, hatte geöffnet und meinem Ebenbild gegenüber gestanden. Einem, zugegeben, ziemlich zerzausten und durchnässten Ebenbild, aber die Ähnlichkeit war unverkennbar.
Sie hatte gesagt, ihr Name wäre Tamara, und wir wären Schwestern, und da dies ohnehin offensichtlich war, hatte ich sie herein gebeten, ihr trockene Kleidung gegeben und nun saßen wir in der Küche, jeder mit einer Tasse Tee vor sich. Ich musterte sie verwundert, da ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, und mir nicht erklären konnte, warum meine Eltern meine eigene Schwester vor mir verheimlich haben sollten.
„Also… ähm… wo kommst du her? Und, warum besuchst du mich?“, fragte ich nach einigen Minuten des Schweigens wissen und rutschte nervös auf meinem Stuhl hin und her.
Tamara grinste nur. „Ich komme… aus einer Stadt, oder eher einem Dorf, am anderen Ende des Landes. Meine ‚Mutter‘, oder eben die Person, die mich aufgezogen hat, ist vor kurzem gestorben. Zusammen mit ihrem Testament, hat sie mir einen Brief hinterlassen, in welchem stand, dass sie gar nicht meine Mutter war.
Sie hat geschrieben, dass vor vielen Jahren eine gute Freundin zu ihr kam, mit einem Baby, und sie gebeten hatte, sich darum zu kümmern. Sie hat nie erfahren, woher dieses Baby kam, aber sie hat auch nicht gefragt, weil sie dieser Freundin bedingungslos vertraut hat. Allerdings hat sich dann herausgestellt, dass es sich bei dieser Freundin um unsere Großtante handelt, die mich vor dem sicheren Tod, nachdem ich im Wald ausgesetzt wurde, gerettet hat.“
„Moment, Großtante?“, stieß ich aus, und starrte sie verwirrt an. „Die einzige Großtante, die ich kenne, ist so sehr wie mein Vater, dass sie einem Baby eher das Herz raus schneiden, als es retten würde.“
„Jaaa… ich rede auch von der anderen Großtante.“, erwiderte Tamara und grinste weiter. „Du weißt schon, die Schwester von Oma? Von der unsere Eltern nicht wollen, dass du sie kennst? Weil ihnen der negative Einfluss durch Oma schon genug war, aber sie ihre Schwester nicht einfach umbringen konnten?“
Ich blickte sie entgeistert an. „Also, ich weiß ja, dass der gesamte Rat total einen an der Waffel hat, aber einfach so die Existenz von zwei mit mir verwandten Personen verheimlichen?“
„Zwei Personen, von denen du weißt.“, entgegnete Tamara und lehnte sie dann ein wenig nach vorne, wobei sie ihren Kopf auf den Händen auf stützte. „Und… was war das mit dem Rat? Tantchen wollte mir nichts Näheres darüber sagen.“
„Ach, das… ist nicht so wichtig.“, sagte ich ausweichend und rutschte unwillkürlich ein wenig zurück.
„Oh, komm schon! Wir sind Zwillinge, mir kannst du’s doch wohl erzählen?“, rief Tamara und zum ersten Mal, seit sie hier angekommen war, wich das selbstsichere Grinsen aus ihrem Gesicht, und wurde durch Frustration ersetzt.
„Nein. Tut mir leid. Eben weil wir Zwillinge sind will ich dich da nicht mit rein ziehen.“, erwiderte ich und verschränkte abweisend die Arme. „Ich denke, es wäre das Beste, wenn du einfach wieder gehst. Zu unserer Großtante, oder irgendwelchen Freunden. Du kannst gerne die Nacht über hier bleiben, aber dann solltest du… einfach gehen und nicht zurückkommen.“
Tamara schmollte. „Nein.“
„Was?“
„Nein. Ich werde nicht gehen, bevor du mir nicht die Wahrheit erzählt hast. Was auch immer dein Problem ist, ich will es wissen, egal, ob ich mich dadurch in Gefahr begebe. Ich will wissen, was meine Eltern für Menschen sind, und warum sie mich umbringen wollten. Und warum du sie so zu hassen scheinst.“, sagte Tamara entschlossen und blickte mich um, ihre Gesichtszüge hart und unnachgiebig.
„Was weiß ich? Wahrscheinlich hast du einfach nicht in ihren gottverdammten Plan gepasst, du kannst glücklich sein, dass du so normal aufgewachsen bist! Selbst der Tod wäre vermutlich noch gnadenvoll gewesen, im Gegensatz dazu, was andere erleben! Warum kannst du das nicht einfach so hinnehmen und verschwinden?!“, fuhr ich sie an. Bei diesem Ausbruch war ich unbewusst aufgestanden und hatte mich auf den Tisch gestützt, von wo aus ich jetzt auf Tamara hinab blickte.
Diese schien gänzlich unbeeindruckt, und schob langsam den Stuhl zurück, bevor sie sich ebenfalls erhob und mir dann kalt in die Augen sah. „Denkst du wirklich, so ein kleiner Wutanfall kann mich beeindrucken? Weißt du eigentlich, durch wie viel Scheiß ich gegangen bin, um hier zu landen? Es ist nicht so, als würden einem die Informationen einfach so zu fliegen! Unsere Tante hat sehr viel Wert darauf gelegt, praktisch zu verschwinden, und dich zu finden war nahezu unmöglich! Du hältst dich für so toll und allwissend und stark, aber glaub mir, ich bin nicht nur irgendein kleines, schwaches Mädchen. Du brauchst mich nicht zu beschützen, ich kann auch mich selbst aufpassen.“
„Nicht, wenn es um den Rat geht. Du hast ja keine Ahnung, worüber du überhaupt redest.“, erwiderte ich kühl und entgegnete ihren Blick ebenso kalt.
„Dann erklär es mir doch!“, rief sie, nun sichtlich wütend. „Meinst du, ich habe all diese Leute gefoltert und getötet um an Informationen zu kommen, nur damit so eine selbstüberzeugte Tussi mich einfach wegschickt? Du bist nicht besser als unsere Eltern!“
Ich starrte sie einen Moment vollkommen entgeistert an, bevor was sie gesagt hatte, wirklich in meinem Kopf anzukommen begann. „Bitte was? Ich bin genau wie unsere Eltern? Wer foltert hier andere Menschen? Wer ist einfach aufgetaucht und erwartet Informationen, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt? Wenn eine von uns ist, wie unsere Eltern, dann du.“, sagte ich leise.
„Oh Süße, du kapierst es echt nicht, oder?“, fragte Tamara mit einem leichten Lachen, bevor sie um den Tisch herum zu mir kam, und sich direkt vor mich stellte. „Ja, ich habe Leute gefoltert, um an Informationen zu kommen. Und glaube ja nicht, dass ich bei dir eine Ausnahme mache, nur weil du meine Schwester bist.“
Nun war es an mir zu lachen. „Du willst mir drohen? Ich wusste gleich, dass irgendwas an deinem Verhalten nicht stimmt, niemand aus dieser Familie handelt je aus reiner Gutherzigkeit. Und auch Menschen, die gar keinen direkten Kontakt zum Rat und den ganzen Irren haben, können anscheinend ganz schön durchgedreht sein.
Aber, wie auch immer. Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst. Also, zum letzten Mal: Verschwinde. Verschwinde, so lange du noch kannst. Und denk nicht mal daran, mich anzugreifen. Dir wird das Ergebnis nicht gefallen.“
Tamara bewegte sich keinen Millimeter, und auch ich blieb vollkommen still stehen. „Niemals. Du machst mir keine Angst, Sam.“

„Oh, sei dir da mal nicht so sicher.“, knurrte ich, was Tamara kaum merklich zusammen zucken ließ. Sie griff nach hinten, und hatte plötzlich ein Messer in der Hand, mit welchem sie mich anzugreifen versuchte, doch ich war schneller und hielt ihren Arm auf. Sie starrte mich wütend an und versuchte vergeblich, ihren Arm aus meinem Griff zu befreien, aber ich dachte gar nicht daran, sie los zu lassen. Stattdessen drehte ich ihren Unterarm immer weiter, bis sie vor Schmerzen aufschrie und auf die Knie sank. Das Messer ließ sie ebenfalls fallen, aber ich drehte trotzdem weiter bis mit einem lauten Knacken ihre Knochen brachen. Dieses Mal war ihr Aufschrei lauter.
Ich ließ ihren Arm fallen und sah auf sie hinab, aber genau wie ich es erwartet hatte, war sie nicht so schnell unterzukriegen. Irgendwo her zog die plötzlich eine Pistole, doch noch bevor sie die Möglichkeit hatte, richtig zu zielen, hatte ich nach ihrem Handgelenk gegriffen und es gebrochen. Sie schrie wieder und zog den Arm reflexartig an den Körper, die Pistole fiel klappernd zu Boden.
„Sonst noch was?“, fragte ich in beiläufigem Tonfall, als würden wir immer noch ruhig am Tisch sitzen, und sie nicht mit gebrochenen Knochen und schmerzverzerrtem Gesicht vor mir auf dem Boden kauern.
„Du kannst mich nicht einschüchtern.“, antwortete Tamara mit zusammen gebissenen Zähnen. „Selbst wenn du es jetzt schaffen solltest, mich zum Gehen zu bringen – ich werde wieder kommen, und nicht eher ruhen, bis ich die Informationen habe, die ich brauche!“
In diesem Moment hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde und jemand das Haus betrat. Tamaras Kopf wandte sich in Richtung des Geräusches und ihr Gesicht bekam einen etwas gehetzten Ausdruck.
„Sam? Bist du da?“, ertönte Ethans Stimme, und ich rief zurück: „Ja, in der Küche. Erschreck dich nicht, wir haben… Besuch.“
Ich konnte praktisch vor mir sehen, wie sich Ethan bei dieser Bemerkung anspannte, und nur Sekunden später erschien er in der Tür.
„Zwillingsschwester von der ich bis jetzt nichts wusste. Wollte Informationen erzwingen, hat mich angegriffen und meint jetzt trotzdem, mich weiter bedrohen zu müssen. Sie meint, dass sie sich von mir nicht einschüchtern lässt.“, sagte ich als Reaktion auf seinen verwirrten Gesichtsausdruck.
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich, doch anstatt sie direkt anzugreifen, fragte er: „Was für Informationen?“
„Über den Rat, daraus resultierend über uns… eigentlich wollte ich sie nur schützen, aber dann hat sie vom Foltern und töten für Informationen angefangen und gesagt, ich wäre nicht besser als meine Eltern… jetzt würde ich ihr auch so nichts mehr sagen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie keinen Tag gegen den Rat überleben würde, so schwach und unorganisiert die auch sein mögen.“, erwiderte ich und warf Tamara einen abfälligen Blick zu, bevor ich mich auf den Tisch hinter mir setzte. „Meinst du, sie würde sich von dir einschüchtern lassen?“
„Oh, ich bin mir sicher, dass mir da die eine oder andere Sache einfallen würde…“, erwiderte Ethan und tat so, als würde er nachdenken, „Niemand bedroht meine Sam und kommt ungeschoren davon. Nicht mal die Familie. Und auch wenn ihr euch auf den ersten Blick ähnelt – der Unterschied zwischen euch könnte nicht offensichtlicher sein.“

(warum eskaliere ich immer so?)

Tag 28: Der Zwilling

Es brachte einfach nichts. Sie konnte sich so lange im Bett wälzen, wie sie wollte. An Einschlafen war nicht mehr zu denken. Amira wusste, dass ihre Schwester eine Frühaufsteherin war und vermutlich bereits Frühstück machte. Sie war in so vielen Dingen komplett anders als Amira. Das Einzige, was beide gemeinsam hatten, war ihr Aussehen. Amira seufte genervt und rappelte sich auf. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und schlurfte im Schlafanzug die Treppe runter in die Küche. Auf dem Weg dorthin stieg ihr bereits der Duft von frischen Brötchen in die Nase. Beim Bäcker war sie also auch noch, dachte Amira und rollte mit den Augen. Als sie die Küche betrat, stand ihre Schwester mit dem Rücken zu ihr am Herd und brutzelte Schinken in einer Pfanne. Sie drehte sich nicht zu Amira um, als diese sich an den Tisch setzte, trotzdem begrüßte sie Amira mit einem heiteren „Guten Morgen!“ und schubste den Schinken weiter mit einer Gabel in der Pfanne herum. Amira trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf dem bereits sehr liebevoll gedecktem Tisch stand. „Morgen“, erwiderte sie murrend und wischte sich den Mund ab. Sie konnte es praktisch spüren, dass ihre Schwester unentwegt lächelte. Amira hasste das. Sie hasste so viele Dinge an ihrer Schwester. Leider konnte Amira sie nicht einfach rausschmeißen. So herzlos war nicht einmal sie.
„Wie läuft es in der Schule?“, kam es plötzlich aus Richtung Herd. Amira schaute zu ihrer Schwester. Diese hatte sich immernoch nicht umgedreht, aber ihre Stimmlage verriet, dass sie immernoch ein breites Lächeln im Gesicht hatte.
„Wie immer.“, antwortete Amira und setzte erneut das Glas an ihre Lippen. „Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Schweigen.
„Es ist nur so, ich habe dich letztens in der Schulzeit mit einem komischen Typen gesehen.“
Amira verschluckte sich, kippte in ihrem Hustanfall das Wasserglas um und verteilte prustend einige Tropfen auf der Tischplatte. Sie klopfte sich auf den Brustkorb, aber das Husten wurde nur noch schlimmer. Sie versuchte Luft zu holen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Ohne auf Amira zu achten, sprach ihre Schwester weiter. „Es war an einem Dienstag, ziemlich früh. Du hättest Unterricht gehabt, das weiß ich. Du hast geschwänzt, nicht war?“ Sie lächelte immernoch. „Wer war dieser Typ? Er sah ziemlich schludrig aus, wenn du mich fragst.“
Amira hustete immernoch und trank den Schluck Wasser, der noch in ihrem Glas drin war. Langsam beruhigte sie sich wieder.
„Jetzt sag schon. War das dein Freund?“ Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Nein, was red‘ ich da… Das würde nicht zu dir passen. Deine einzig ware Liebe sind Bücher, und das bleibt sicher so, bis zu alt und grau bist.“ Endlich drehte sie sich um und schenkte Amira ein engelsgleiches Lächeln. „Hübscher Ring übrigens. Das Auge wirkt sehr realistisch. Als würde es mir jeden Moment zuzwinkert.“ Sie hob die Pfanne an, schaltete den Herd aus und schubte den Schicken auf einen Teller. Amira starrte ihre Schwester fassungslos an.
Scheiße, sie wusste über Jack bescheid… Und den Ring sollte eigentlich auch niemand bemerken, verdammt.
Ihre Schwester brachte den Schinkenteller an den Tisch und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von Amira.
„Du hast ein Geheimnis, nicht wahr? Ein ziemlich großen. Magst du es mir erzählen?“ Ihr Lächeln wurde breiter und eine Reihe schneeweißer Zähne blitzte Amira entgegen.
„I–Ich muss aufs Klo.“, würgte Amira hervor, stieß den Stuhl vom Tisch weg und stürtzte aus dem Raum.

Tag 28: Der Zwilling

Sie kauert in einer schüchternen Haltung am Tisch, als wäre sie bei einer völlig Fremden. Genauso, wie ich es wahrscheinlich getan hätte, wenn ich sie wäre. Ihre Gestik erscheint mir wie ein Spiegel, so dass ich plötzlich auch nervös werde.

„Nimm dir ruhig.“, sage ich.

Sie holt ein Brötchen aus dem Korb, schneidet es auf, schmiert mit zittrigen Händen Butter und Honig darauf und beißt hinein. Nach ein paar Minuten frage ich: „Was führt dich her?“

Hinter dem Brötchen zeigt sich flüchtig ein Gesicht. Sie lächelt breit und etwas unbeholfen: „Mum ist tot. Und Dad auch. Die Briefe vom Amt kamen immer wieder zurück, also hab ich irgendwann gedacht, ich geh dich suchen und sag es dir persönlich.“

Ich lasse die Hand auf dem Weg zum Brötchenkorb sinken.

„Wirklich? Was ist denn passiert?“, frage ich, blass.

„Tu doch nicht so geschockt.“ Hinter dem Brötchen erscheint wieder das Grinsen. Mein Grinsen, an einer völlig Fremden.

„Tu du doch nicht so, als würde dich das freuen.“, schreie ich.

„Tu du doch nicht so, als würde dich das wirklich mitnehmen.“, antwortet sie. Brösel spritzen, als sie in das Brötchen beißt.

„Was ist denn passiert?“ Ich wende mich von ihr ab, ihre Ruhe macht mich wütend.

„Nichts… Ganz friedlich alles. Mum hat ihm einfach abends sein Beruhigungsmittel gegeben. Nur vielleicht ein bisschen zu viel. Dann hat sie es selber auch genommen. Vielleicht war sie nervös. Auf jeden Fall, am nächsten Morgen: Beide tot. Ich bekomme den Anruf als erste, weil ich sie bei mir ja wissen, wo ich wohne. Dich haben sie ja nicht erreicht. Keiner weiß, wo du steckst. Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

„Beide tot?“, wiederhole ich schockiert.

„Ja.“, sagt sie: „Na gut, ich gebe zu, am Anfang war ich auch mehr so wie du. Aber mittlerweile denke ich, dass es vielleicht das beste gewesen sein könnte.“

Sie wird auf einmal ganz ruhig und verträumt.

„Weißt du noch, wie wie als Kinder immer diese billigen instant Nudelsuppen gegessen haben, wenn Mama und Papa wieder nicht da waren?“, fragt sie:
„Die Suppen waren in einer Tüte eingeschweißt und in der Tüte waren wiederum kleine Tüten mit Gewürzen, Geschmacksverstärkern und Gemüseextrakt. Wir haben dann so getan, als würden wir kochen. Eine hat immer die Mama gespielt, die Tütchen aufgemacht und ins heiße Wasser geworfen. Die andere war das Kind und hat es kommentiert: Das da sind die Nudeln, das das ist das Curry, das das ist Lecker.
So nannten wir das Glutamat in dem einen Tütchen, weißt du noch?
Diese weißen, kleinen Kristalle haben wir uns manchmal gegenseitig aus der Hand geleckt, wenn wir gespielt haben, dass wir Ziegen seien, die Salz bräuchten.“

Sie beißt in ihr Brot, als habe sie lange nichts ordentliches mehr gegessen:
„Eigentlich waren wir die meiste Zeit unsere eigenen Eltern, meinst du nicht auch?“

Tag 28: Der Zwilling

„Lang nicht mehr gesehen Brüderchen“ David Cross sah sich in der kleinen Küche um in der sein Bruder , ihm gegenüber saß und ihn verstohlen musterte.
„Stimmt. Wie kommt es das du mitten in der Nacht reinschneist? noch dazu in so einem Zustand. Ich dachte dir geht es gut“
David grinste und schnappte sich ein Brötchen. Mit geübten Griffen schnitt er es durch die Hälfte und legte ein paar Scheiben Wurst darauf. Dann biss er genüsslich hinein. „Sagen wir es mal so, kleiner Bruder. Der Weg hierher war nicht ganz so wie ich es mir erhofft habe“.
Noah seufzte laut. Er hasste es wenn er „Kleiner Bruder genannt wurde, sie waren Zwillinge. David war zwar, wenn man es genau nahm, eine Minute älter, aber das zählte nicht wirklich. „Ok und was willst du hier?“
David grinste. „Du warst noch nie berühmt für dein Taktgefühl. Schade, ich dachte du freust dich mich nach so langer Zeit wieder zu sehen“
Noah warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu. Dann nickte er schließlich. „Das schon, aber wie du weist sind wir nicht im Guten auseinander gegangen.“
„Ich weiß, Noah. Es tut mir auch leid. Ich wünschte ich wäre geblieben und hätte dir mehr geholfen. So wie es aussieht hast du nicht so oft Gelegenheit mit jemanden über alles zu reden oder?“
Noah schwieg. Woher wusste David das nur so genau?
„Dein letzter Brief, es tut mir leid, ich hätte früher kommen sollen. Willst du vielleicht jetzt mit mir darüber sprechen? Vater ist nicht hier und du weißt das ich nie etwas weiter sage. Altes Pfadfinder Ehrenwort“ David schlug ein Zeichen mit der Hand und sah Noah lange an.
„Unser Vater will das ich mich mit Emma zusammentue“ brach Noah nach einiger Zeit das Schweigen, das zwischen ihnen entstanden war.
„Und du magst sie nicht? Gefällt sie dir denn nicht? Oder liebst du eine andere?“ sein Zwillingsbruder biss in sein Brötchen und sah ihn neugierig an.
„Ich habe kein Interesse an Frauen“ antwortete Noah leise.
„Dachte ich mir`s doch.

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