Tag 3: An der Supermarktkasse

Da stand sie plötzlich. Eine kleine Frau mit einem durchdringenden Blick. Sie musste um die 50 sein, vielleicht auch älter. Ich saß an meiner Kasse und beobachtete, welche Artikel sie aufs Band legte. Ich machte mir immer einen Spaß daraus, an den gekauften Artikeln festzustellen, ob die Leute Singles waren oder nicht, ob sie allein wohnten oder mit anderen, ob sie nur etwas vergessen hatten oder ihren großen Wocheneinkauf erledigten, ob sie sich gesund ernährten oder nicht. Doch diese Frau war anders. Sie legte ein buntes Sammelsurium an Waren auf das Band, was mich in Staunen versetzte. Sie nahm 12 Zahnbürsten aus dem Korb – eine für jeden Monat? Oder kamen alle ihre Enkel gerade zu Besuch? Sie hatte außerdem drei Tuben Tomatenmark – das italienische natürlich – gekauft. Putzte sie ihre Zähne etwa mit Tomatenmark? Seltsame Menschen gibt’s. Und dann lagen da noch 5 Päckchen Butter. Hm, klingt irgendwie nach großer Fete. Kuchenbacken und so. Aber wer weiß?! Dann legte sie ein Päckchen Spinat auf das Band. Hm, nur ein Päckchen? Das ist ja schon fast seltsam. Zahnbürsten, Tomatenmark, Spinat und Butter. Fehlen nur noch die Nudeln. Dann sind es sicher doch die Enkel, die zu Besuch kommen. Nudeln mögen doch alle Kinder, aber Spinat?! ALs letztes legte sie ein Päckchen Gefrierbeutel auf das Band. Wahrscheinlich wird sie damit die Reste einfrieren.
Ich hab sie nicht gefragt, aber ich glaube, sie ist eine Künstlerin. Die Butter ist die Masse, mit der sie arbeitet. Und Tomatenmark und Spinat färben die Butter. Daraus formt sie Figuren. Die Zahnbürsten dienen als Werkzeuge. Und damit alles hält, muss es geschützt in die Gefriertruhe. Vielleicht hat sie ja sogar Videos auf YouTube von ihrer Kunst. Da muss ich gleich mal nachschauen.

Tag 3: An der Supermarktkasse

ER legt seine Sachen auf das Laufband und sieht sich gehetzt um. Er sieht einfach umwerfend aus, wie er da steht, lässig, mit den schönsten dunklen Augen die ich je gesehen habe, dem schwarzen Haar das ihm verwegen in die Stirn fällt. Er wirkt nervös, ja geradezu schüchtern als er seinen Einkauf zusieht wie ich ihn Artikel für Artikel eintippe; eine weiße Kerze, wozu er die wohl braucht? Dann eine große 2 Liter Flasche Cola. Da will er wohl wach bleiben? Dann ein Joghurt mit Früchten. Er ernährt sich also durchaus bewusst. Dazu liegen noch eine Packung Kaugummi mit Minzgeschmack und eine Packung Kondome auf dem Laufband. Er wird leicht rot als ich die beiden Sachen eintippe und sieht schnell weg. Ich wende mich der Tiefkühlpizza, dem Notenheft und der Tüte Haribo zu und tippe sie schnell ein.
Bei der Pizza bin ich mir sicher dass er sie wieder machen muss weil sein Vater wieder nicht für sie beide kocht. Das Notenheft gibt mir auch keine Rätsel mehr auf, ein Klassenkamerad spielt mit ihm in einer Band. Das einzige was mich neugierig macht sind die Kondome, da ich weiß das er nicht auf Mädchen steht.

Tag 3: An der Supermarktkasse

Ich sehe ihn selten an der Kasse. Wahrscheinlich bestellt er meistens im Internet und dann für die ganze Woche. Wenn er einkauft, dann banale Gegenstände, die nur dadurch befremdlich wirken, dass er sie einzeln kauft. Als wäre es eine Ergänzung zu einem sonst sehr ausgeklügelten Plan. Was er kauft:

Küchenrolle. Wahrscheinlich ist er ein sehr ordentlicher Mensch. Aber trotzdem legt er sie mit einer gewissen Verschämtheit aufs Band. Entweder er ist verschämt wegen der Banalität des Gegenstands (es gibt Menschen, die schämen sich, wenn sie Klopapier kaufen) oder es schämt sich für das, was er damit vorhat.

Kaffee. Er kauft guten Kaffee, nicht den teuersten, aber doch eine Qualitätsmarke.

DIN A4-Blöcke. Sein ganzes Wesen erscheint mir genauso kleinkariert wie diese Blöcke. Er kauft sie selten, aber das erscheint mir stimmig. Er wirkt eigentlich eher, als wäre er digital unterwegs.

Batterien. Alle möglichen.

Äpfel. Vielleicht will er gesund bleiben. Er sieht so blass aus, als hätte er es nötig.

Tag 3: An der Supermarktkasse

Kopfsalat,
Nüsse,
Creme fraiche,
eine Flasche Wein,
frischer Seelachs,
Vitamin C Tabletten und 6x Vio Wasser
kommt es mir an der Supermarkt Kasse entgegen. Ich präge mir die Artikel genau ein, und lächle meinen Lehrer peinlich berührt an. “ Äh, Hallo Herr Doktor, Sie sehen mich zum ersten mal bei der Arbeit, total peinlich. Sehen Sie was ich trage“, ich zeige hektisch verwirrt an mir runter. “ Wieso kaufen Sie ausgerechnet hier ein?“ fragte ich ihn vorwurfsvoll, während ich die Creme fraiche kassierte. Schon als er mich beim auflegen seiner Ware erkannt hat, legte er sein gewohntes Lehrerlächeln auf. Dieses, welches mich erwärmte bis zum geht nicht mehr. Er antwortete: “ Ich wusste ja nicht, dass Sie hier arbeiten würden….Ist doch ein ganz anständiger Markt hier…. Und Sie haben Kinder! Irgendwo muss das Brot ja her kommen.“ Ich wusste gar nicht, dass man einen Menschen auch mit seiner Freundlichkeit, vor den Kopf stoßen könnte. “ Ja“ , sagte ich nur und holte leicht zittrig, aber schnell, das Wechselgeld aus der Kasse und ihm in die Hand. Ich lächle freundlich und verkniff mir die „schönen Tag noch“ Floskel. “ Na dann, bis später in der Schule Emy“, sagte mein Philosophie Lehrer des Abendgymnasiums, packte seine Artikel in seine Stofftasche und ging gemütlich in Richtung Ausgang. Er sah so ganz zufrieden aus. Ich winkte ihm noch, als er sich nochmal umdrehte, dezent, aber immerhin mit mehr Selbstvertrauen. Ich versuche etwas, aus den Artikeln die er kaufte abzuleiten und Rückschlüsse auf sein Leben zu ziehen, damit ich mir diesen Mann endlich aus den Kopf schlagen kann, aber Herr Gott, die Ware war total in Ordnung! Sie war sogar echt liebenswürdig. Plötzlich viel mir die Flasche Wein wieder ein, und schmelze dahin bei dem Gedanken, er säße allein in seinem Wohnzimmer auf der Couch, schenkt sich seinen Wein in sein Rotweinglas und trinkt, bei dem Gedanken: „Ach würde Sie sich doch irgendwann einmal bei mir melden. Die Frau, die sich mir zuneigt. Sie werde ich als Geschenk Gottes betrachten.“

Tag 3: An der Supermarktkasse

Es war ein stressiger Freitag Abend, der sich natürlich wie Kaugummi zog. Ich hasste es, meine Freitage hier im Supermarkt verbringen zu müssen, aber man musste schließlich sein Geld irgendwie zusammen kriegen.
Mit der Zunge schnalzend ließ ich den Blick durch den Kassenbereich schweifen, als ein Mann an das Band heran trat und seine Produkte darauf legte. Er sah ziemlich mitgenommen aus – er musste wohl eine lange Reise hinter sich gehabt haben. Seine Militärkleidung war völlig verdreckt und hatte an einigen Stellen sogar Risse. Als die Produkte mich erreichten, wandte ich den Blick schnell ab und zog sie über den Scanner. Mehrere Zigarettenschachteln waren das erste, was mir ins Auge fiel. Er musste Kettenraucher sein, was ich gar nicht so unwahrscheinlich fand, da er schließlich einen ziemlich Nerven aufreibenden Job hatte. Danach kamen Fleisch, Wasser und Sonnencreme. War er vielleicht auf dem Weg in den Süden? Seine Haarfarbe ließ darauf schließen, dass er aus dieser Region kommen musste. Das letzte waren dann noch Schlaftabletten, die nicht verschreibungspflichtig waren. Sie waren sehr mild und doch fragte ich mich, was dieser Mann erlebt haben musste, dass er Schlaftabletten und Zigaretten in dem Maße benötigte.

Tag 3: An der Supermarktkasse

Meine Hauptfigur würde sich auf jeden Fall eine große Packung verschiedener Gummibärchen gönnen. Es werden unterschiedliche Päcken sein, einen Vorrat für den Monat. Ich weiß es nicht. Auch ein Pächen Schokodrink darf nicht fehlen, diesen genehmigt er sich immer, wenn er einkaufen geht. Dazu kommt eine Zeitschrift über die neusten Comics und Videogames und ein gutes Buch. Vielleicht würde Max sich noch eine Cola gönnen, wenn sein Taschengeld ausreicht. Auf jeden Fall bin ich begeistert und entzückt, ihn zu sehen, wie er mit seiner Umgebung umgeht. Er ist zuvorkommend und gestattet einer älteren Dame den Vortritt. Mit seinen vorpubertierenden 12 Jahren ist er ein freundlicher Mensch. Aufmerksam beobachtet er seine Umgebung, doch große Unsicherheit liegt in seinen Augen. Manchmal schaut er sich nervös um. Er schaut nach seinen Peinigern.

Nach dem Einkauf verstaut er schnell sein Geld im Portmonei und seinen Einkauf in einen Rucksack. Er ist mit Inlinern im Supermarkt, obwohl es nicht erlaubt ist. Ich mahne ihn, diese nächstes Mal auszuziehen. Er nickt freundlich und geht seinen Weg. Schnell verlässt er den Markt, seine Haare tanzen auf seinem Kopf, seine Kleidung ist sportlich und gepflegt von guter Qualität. Oft trifft man ihn nicht im Supermarkt, doch seine Familie ist bekannt. Auch Marlies, seine Haushälterin trifft man häufig an. Manchmal kann man erraten, dass sie zwischendurch Nachschub für Max besorgt, sonst kauft sie regelmäßig nur gesunde Lebensmittel ein. Wenn Marlies sich mit Nachbarn im Supermarkt über die Familie äußert, erfährt man oft nur Gutes. Doch leider auch, dass die Eltern von Max häufig zu geschäftlichen Terminen unterwegs sind. Sie arbeiten viel und besonders der Vater ist selten Zuhause. Marlies ist zwiegespalten, wäre die Situation anders, würde sie nicht dort arbeiten, doch sie versteht vollkommen, dass Max seine Eltern oft auch vermisst. Für Max ist sie bereits zu einem festen Familienmitglied geworden.

Marlies versteht sich sehr gut mit dem Marktleiter und sorgt oft dafür, dass dieser nicht vergisst, dieses besondere Comic für Max zu bestellen, welches er sich nur einmal im Monat kauft. Von all den guten und heimlichen Tagen von Marlies weiß Max natürlich nichts.

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