Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Emily spazierte durch den Grasecker-Park. Sie liebte diese Umgebung, vor allem die kleine Brücke, die über den Bach führte. Oft stand sie am Ufer und blickte den Lauf des Baches hinaus. An diesem Tag entdeckte sie eine Herde Schafe, die weiter oben am Ufer grasten. Die wolligen Tiere standen eng beeinander, glucksten und frasen das frische, grüne Gras.
Plötzlich zischte etwas vor Emilys Kopf vorbei. Haarscharf! Beinahe wäre sie getroffen worden. Wovon eigentlich? In dem Baumstamm am Ende der Brücke fand sie die Lösung. Ein Pfeil steckte zwischen den dicken Rindenstücken. Wer den wohl abgeschossen hatte? Sie blickte in die entgegengesetzte Richtung. Dort stand ein junger Mann. Er trug lilafarbene Strumpfhosen und einen seltsamen Umhang um die Schultern. In den Händen hielt er einen Bogen. Auf seiner Brust leuchtete ein hellgelber Blitz. War Karneval nicht schon längst vorbei?
„Sorry, ich wollte dich nicht treffen. Bin noch nicht so geübt.“ Der Action-Held sprach.
„Was machst du hier? Und was soll dieser komische Aufzug?“
Emily zeigte auf sein Kostüm.
Der junge Mann kratzte sich am Kopf. „Ich habe eine Wette verloren.“
„Eine Wette?“ Emily verschränkte ihre Arme vor der Brust und zog die Augenbrauen hoch.
„Ja.“ Der junge Mann druckste herum. „Das ist echt so peinlich. Meine Kumpels und ich haben ein Wettlaufen veranstaltet. Aber nicht, was du vielleicht denkst.“
„Und was denke ich denn?“ Emilys Augenbrauen rutschten immer höher Richtung Haaransatz.
„Naja, nicht wir sind gerannt, sondern unsere Schildkröten.“
„Schildkröten? Pah.“ Emily stützte ihre Arme auf dem Brückengeländer ab und blickte in die Tiefe. Sie lauschte dem Rauschen des Wassers. Der junge Mann näherte sich ihr, stellte sich neben sie.
„Meine Schildkröte hat das Laufen verloren. Und mein Einsatz war, dass ich einen Tag als Superheld verkleidet im Park herumrenne.“
Emily schaute ihn mit großen Augen an. Dann prustete sie los. Sie hielt sich den Bauch, so sehr schmerzte das Zwerchfell vom Lachen. Mit der Hand schlug sie immer wieder auf das Brückengeländer.
Der junge Mann starrte sie an.
Als Emily sich ein wenig beruhigt hatte, richtete sie sich auf. „Ich glaub, darauf brauch ich jetzt einen Cocktail. Kommst du mit?“

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Wie der Blitz traf mich Amors Pfeil als ich sie sah. Gegenüber meiner Traumfrau verhalte ich mich einfach wie ein Schaf. Wie kann ich ihre Zuneigung gewinnen? Das Frage ich mich Tag für Tag. Als dann plötzlich mein Urlaub an steht, flog ich alleine, ganz alleine um den halben Globus in mein Urlaubsziel und wünschte mir , sie wäre bereits meine treue Begleiterin. Ich schicke ihr meine Gedichte und sie schickte mir Ihre , womit ich ein kleines Schlüsselloch fand, in ihre Seele zu sehen. Ich brauche eine Brücke, die mich mit ihr verbindet. So schreibe ich ihr weiterhin Emails und Postkarten aus Armenien , während ich in Mitten der Natur unter einem Baum sitze. Doch sie reagiert so schnell wie eine Schildkröte, wenn es um die Beantwortung meiner Nachrichten geht. Ich fürchte, die Brücke unseres Schriftverkehrs würde jeden Moment zusammenstürzen.

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Er legt an und schießt einen Pfeil ab. Noch während ich nicht begreife, was dieser silberne Blitz bedeutet, bin ich schon hinter dem nächsten Baum und höre mein eigenes Herz so laut, als schlüge es von Kern der Welt zu mir hinauf.

Jetzt ein paar Atemzüge ohne Furcht, wie schön wäre das. Aber auch die Angst gehört dazu. Früher oder später kann sich niemand der Angst entziehen, selbst wenn man weiß, dass es nur ein Training ist.

Mike sagt dazu: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, emotional zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Rational schon, aber nicht emotional. Deswegen Religion und Weltkriege und Amokläufe. Irgendwo hätte die Welt ein Schlüsselloch, wo man dahinter sehen könnte, aber das gelänge nur den wenigsten.

Ich warte hinter dem Baum. Der da drüben wird doch eine Weile brauchen, bis er hier ist, denke ich.
Falls er herkommt.

Ich bin auch bewaffnet, aber mit einer Nahkampfwaffe jetzt hinüberzurennen, das wäre einfach nur dumm. Mein Angreifer lässt mich warten.
Ich habe einmal gehört, dass die meisten irgendwann aus bloßer Panik aus ihrem Versteck herausrennen, einfach, weil sie es nicht mehr aushalten, das Warten und die Ungewissheit.

Noch ein Grund mehr zu bleiben. Die Angst ist nervenzerfetzend. Ich darf mich nicht aus dem Schutz hervorbewegen. Wenn ich schaue und er schießt… einen Moment zu lange den Kopf hervor gestreckt und es trifft mich ins Auge.

Ich kann nicht nachsehen, wo er jetzt steckt. Ich habe nur noch einen einzigen Sinn, der mir bleibt, das Gehör. Wenn er näher kommt, wenn er dabei ein Geräusch macht, wenn er kurz vor mir ist, wenn ich es dann schaffe, auf ihn einzustechen, dann kann ich es vielleicht überleben, dann muss ich nur schnell rennen, zurück zur Brücke, zu den anderen, hoffen, dass derjenige auch ein einzelner war.
Viele Kausalitäten, die sich aneinanderreihen müssen.

Überleben, wie das klingt. Ich überlebe doch in jedem Fall. Das ist nur eine Simulation. Wahrscheinlich kann man das irgendwann wirklich nicht mehr unterscheiden.

Beruhige dich, denke ich, ganz ruhig, das alles ist nicht real. Für einen Moment schaffe ich es, mir Wände vorzustellen, den Raum, in dem ich wahrscheinlich wirklich bin und zu denken, dass Baum, Brücke, Angreifer und Unterstützer nur in meinem Kopf sind. Aber dann reißt mich ein Rascheln zurück in die Welt.

Hinter dem Baum. Nur zwei Schritte, jetzt vielleicht nur noch einer. Ich halte das Schwert bereit. Ihn einen Moment früher erwischen, als er mich ist nicht unbedingt eine Garantie für mein Leben, wenn er den Pfeil schon in dem Moment abschießt, in dem ich erst losschlagen kann.

Ich höre nichts mehr. Wir müssen einander sehr nahe sein, nur der Baum trennt uns.

Warum macht er das überhaupt, dass er hierherkommt und nachguckt?
Warum wartet er nicht aus sicherer Entfernung, bis ich vom Warten zermürbt bin und schickt mir dann in meinem Fliehen einen Pfeil hinterher?
Ich begreife: Das ist auch so einer, der nicht mehr Warten kann, den die Panik ungeduldig gemacht hat.

Er steht jetzt wohl da hinter dem Baum, den Pfeil angespannt in Kopf- oder Herzhöhe. Er hat gesehen, dass ich nur ein Schwert habe.

Und wenn ich losspringe, aber von unten, wenn ich ihn erwische und sein erster Pfeil ins Leere geht?

Wir können beide Sterben oder Leben, jetzt, wo wir so nahe sind. Vorher war er noch der klare Sieger. Es stimmt wohl, was Mike über das Warten gesagt hat.

Jetzt!
Mein Körper hat ohne mich entschieden, aufzuspringen.
Blind, den einen Arm hochgerissen, weil meine Augen befohlen haben, sie vor dem Pfeil zu schützen, den anderen Arm mit dem Schwert, weit ausgestreckt, wenn Mike das sehen könnte, er würde mit mir ein ernstes Wort reden.
Ich schlage hinter den Baum, von unten, treffe irgendetwas Hartes, kein Fleisch, das Geräusch würde ich erkennen. Dann schnellt auch schon etwas über mich hinweg, dunkel und glänzend.

Ich begreife, was es ist. Mein Angreifer hat geschossen, er wird einige Sekunden brauchen, einen neuen Pfeil einzuspannen.

Ich richte mich auf, gehe rasch um den Baum, sehe in Augen, in denen Ratlosigkeit die Angst überschattet hat und schlage los, bevor ich in den Augen etwas Tieferes erkennen könnte, etwas, wie vielleicht eine Angst, die mich zum Mitgefühl verleiten könnte.

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Er schleppte sich durch den Wald. Ihm war es längst nicht mehr wichtig wohin er lief, er wollte nur noch weg. ein Laubbaum reihte sich hier an den nächsten Baum und versperrte ihm die Sicht auf die seltsame Scheune die unweit von ihm aufgetaucht war. Langsam schritt er näher und spähte durch das Schlüsselloch. Drinnen war es still und dunkel. Er öffnete die Türe und trat ein. Ein Blitz zuckte über den Himmel und kündigte das nahende Gewitter bereits an. Er wollte hier nicht länger bleiben, es war etwas unbekanntest in diesem Ort, etwas das ihm noch mehr Fragen aufgab. Waren sie hier gewesen?
Er spähte durch das kleine Fenster zu dem Fluss über den sich eine Holzbrücke zog. Er würde von hier verschwinden sobald es zu regnen aufgehört hatte. Sicher war sein Jäger noch in der Nähe und er hatte keine Lust das der nächste Pfeil des Bogenschützen ihn traf.

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Die Welt sieht morgens so friedlich aus, als gäbe es nirgends Hunger und Krieg. Pascal joggt seine morgentliche Tour durch den Wald. Dabei gehen im tausend Fragen im Kopf herum, Fragen über sich und Melanie, über seine Zukunft und vor allem darum, warum sie ihn im Geschäft zum Mobbingopfer erkoren haben. Er verlässt den Wald und kommt auf eine Lichtung. Eine Herde Schafe futtert hier das frische, taunasse Gras. Ein Schäfer steht in der Ferne und ruft seinem Hund etwas zu. Pascal joggt weiter. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Er muss sich beeilen, es sieht nach einem Gewitter aus. Er joggt einen kleinen Bach entlang und überquert diesen schließlich auf einer morschen Holzbrücke. Dass diese Brücke noch nicht gesperrt ist, grenzt an einem Wunder. Sie ächzt beim Darüberjoggen so laut, dass Pascal befürchtet, sie würde unter ihm zusammenbrechen. An einem Baum hängt ein Wegweiser, der nach Norden zeigt. Noch ein Kilometer bis zum Parkplatz …

Tag 5: Die Würfel sind gefallen

Cassie lief ziellos im Wald umher. Die Bäume, an denen sie vorbei lief, kamen ihr verdammt bekannt vor, doch täuschte sie sich da nicht? Dass sie im Kreis lief, hätte ihr gerade noch gefehlt, denn der Himmel zog langsam zu und es schien sich ein Gewitter zusammen zu brauen. Kaum hatte sie weitere fünf Meter zurückgelegt, spürte sie, schon die ersten Tropfen auf ihrer Haut. „Verdammt“ dachte sie sich und begann zu rennen. Plötzlich durchzuckte ein Blitz den abendlichen Himmel. Cassie bekam es mit der Angst zu tun. Wie sollte sie eine Nacht in einem Wald mit Schafen … Moment Schafe? Wieso hörte sie Schafe? Schnell blickte sie sich um und sah eine alte Hütte, auf der Waldlichtung, wo sich die Hütte befand, grasten friedlich die Schafe und ließen sich selbst vom Gewitter nicht stören. Da wurde es ihr plötzlich leichter ums Herz, wo Schafe waren, durfte der Schäfer ja auch nicht weit sein. Langsam und mit klopfendem Herzen ging sie auf die Hütte zu und Klopfte leise an die Tür. Nach kurzer Zeit hörte sie, wie der Schlüssel im Loch umgedreht wurde und eine ältere Oma kam heraus. Ihr Gesicht war vom Wetter gegerbt und um ihre Augen hatte sie leichte Fältchen.
Nach einem kurzen Gespräch, bat die Frau sie herein und dort warteten die beiden, bei Tee und Plätzchen, bis das Gewitter vorüber war.

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